SANDUHR
Sanduhr rinnt langsam, misst die Zeit, bestimmt das Leben. Feine Körner fliessen von einer Seite zur anderen, in einer Minute beginnt das Spiel wieder von vorne an. Sie schaut deinem gleichmässigen Rhythmus zu und träumt von einer fernen Welt, von einer fernen Reise, wo sie Neues erleben kann. Ihr Alltag ist doch so öde, so langweilig und immer mit den gleichen Gewohnheiten gefüllt. Es ist immer der gleiche Takt, dasselbe Leben; es sind immer die gleichen Menschen, die sie umgeben, die sie anlächeln, die sie begegnet. Nichts verändert sich, solange nichts Neues entsteht.
Sanduhr schweigt, fragt nicht, beklagt sich nicht. Sie ist einfach da, im Gleichgewicht mit ihrer irdischen Gegenwart. So viel Verlangen, für eine nie dagewesene Zeit, so viel Sehnsucht, die an ihr zerrt, bis sie vor Schmerzen fast heult. Es brodelt in ihr, wie ein Kessel voller Wasser, der auf dem Feuer steht, wie ein kochender Vulkan, der bald ausbricht. Wie lange dieser Zustand noch anhält, das weiss sie nicht, während die Zeit von Minute zu Minute unaufhaltsam vergeht. Sie weint nicht umsonst, sie rebelliert sich nicht umsonst, sie verzweifelt nicht umsonst.
Eingesperrt in ihrem dunklen Zimmer sieht sie das Licht nicht mehr, sie will es nicht sehen, weil sie sich vor der Welt fürchtet. Aber sie möchte dich küssen und von diesem Zauber nicht mehr erwachen. Sie könnte Stunden lang neben dir liegen und dich anschauen, ohne dass du ein Wort sagst. Du bist der Einzige Lichtblick in ihr verwahrlostes Leben. Betrüge sie nicht, hintergehe sie nicht, sei ehrlich zu ihr. Sie ist ein zerbrechliches Wesen, ein schöpferisches und zartes Wesen, das dich überzeugen kann, wenn du ihr zuhörst. Verletze sie nicht, lass Gefühle zu, auch wenn es dir schwer fällt. Denn nichts ist vergebens, wenn die Liebe deine Empfindungen aufwühlt. Eine sanfte Berührung, die dein Herz höherschlagen lässt.
So schlafe still, sei unbesorgt, denn Prinzen gehören nicht hierher. Sie gehören einer anderen Macht, einem anderen Planeten, aber wenn du wirklich daran glaubst, dass es sie gibt, so sei darauf bedacht, dass Freundlichkeit und Ehrenwürdigkeit überall auf der Welt anzutreffen sind. Und solltest du trotzdem daran zweifeln, dass Bilderbücher etwas für Träumer sind, dann zerre da Blatt heraus, dass dich näher zu ihnen bringt. Schliesse das Kapitel zu und verabschiede dich von ihnen. Freue dich deines Herzens, und auf das, was du noch mit deinen eigenen Kräften erreichen kannst. Es ist wie Magie, die sich vervielfältigt, wenn man Dinge bewegt.
Sanduhr, du bringst sie an einem Ort zurück, wo sie einmal glücklich war in seinen Armen. Die Meereswellen klatschen auf ihre Haut, die Schreie der Möwen drängen an ihre Ohren, die Sonne küsst ihre salzigen Lippen. Sie schaut zum Himmel hoch und stellt fest, wie viel Glück sie hatte, dich zu kennen, dich zu lieben. Sie spielt mit der Gischt, spritzt das Wasser hoch, bis sie sich selbst betört. Sie schliesst ihre Augen und glaubt, dich noch einmal sehen und erleben zu können, in deiner Intimität. Sie lächelt, während der Wind ihre Haare zerzaust und dein beeindruckendes Bild fortbläst. Sie lässt Sandkörner von einer Hand in die andere fliessen, spielt mit der Zeit, hält sie an. Ihre feuchten Augen sind auf dich gerichtet, dein gleichmässiger Takt beruhigt sie, lässt sie träumen. Sie dreht und wendet dich hin und her, sie nimmt dich zwischen ihren ungezügelten Fingern, einmal, zweimal, unzählige Male, bis du auf den Boden fällst und kaputt gehst. Ein kleiner Teppich aus Sand breitet sich aus, glänzt vor ihren Augen. Tränen fallen herunter, nässen den Sand, lassen ihn fest werden. Aber nichts ist umsonst, der Sand lässt sich neu formen, neu gestalten, neu anordnen. Es ist, wie wenn man Neues erschafft, um nicht zu sterben. Denn die Grösse dieser Welt kennt keine Grenzen, wenn sie im Gleichgewicht ist. R.R.

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