ROMAN IHRES LEBENS

Wie oft stand sie da und betrachtete den Himmel, während der Mond die Sonne ersetzte und die Sterne in der tiefen Nacht funkelten. Ohne an irgendetwas zu denken, ohne an dich zu denken. Während die Zeit unaufhaltsam verstrich und ihre Tränen trocknete. Alles hätte anders sein können, alles hätte gut ausgehen können.

So viele Tage sind vergangen ohne dich, dass sie aufgehört hat, sie zu zählen. Sie bleibt teilnahmslos und stumm, ohne einen Grund, auf der Erde zu verweilen. Entfliehen und verschwinden, das ist ihr größter Wunsch, um ihrem Märchen wieder zu begegnen, dass sie einst aus den Augen verloren hat. Diese bezaubernden Geschichten, die einen sanft seufzen lassen und in fantastische Welten entführen. Sie möchte die Hauptfigur einer Erzählung mit glücklichem Ende sein und mit einem schönen Kleid und eine hinreissende Ausstrahlung die Welt im Handumdrehen erobern. Es fühlt sich an wie ein romantischer Traum, in Echtlebenszeit.

Der Roman ihres Lebens folgt auf beschwerlichen Bergstraßen, zeitlosen Stürmen, sanften und freundlichen Blicken. Es ist ein Weg, der ihr Herz höher schlagen lässt, der sie atmen lässt, der sie helfen und lieben lässt. Ohne Grund, ohne Vergebung, ohne eine Gegenleistung zu erwarten. Sie weiss, dass das Leben die Stärksten belohnt. Doch wer sind die Stärksten? Diejenigen, die kaltblütig und gnadenlos sind? Diejenigen, die immer mit Herz und Seele bei der Sache sind und nichts im Gegenzug erwarten? Stärke kommt von innen, selbst wenn sie das Leben zutiefst verletzt. Sie gibt niemals auf, selbst wenn sie ihre schlimmsten Tage durchsteht, denn sie werden ihre besten werden. Jahre später erkennt sie, dass er Recht hatte. Er hat ihr die Freiheit gegeben, zu wählen, zu träumen, zu leben – auch ohne ihn.

Und wenn sie von einer vergifteten Spindel gestochen würde, würde sie keinen Schmerz empfinden, sie würde reglos zuschauen, wie das Blut auf den Boden tropft und bevor sie in Ohnmacht fällt, würde sie durch einen plötzlichen Einfall das Gift aus ihren Fingern aussaugen, das durch ihre Adern zu fliessen beginnt. Doch dann ist es zu spät, um zu erkennen, dass sich das Leben in einem einzigen Moment der Bewusstlosigkeit verliert.

Sie findet sich in einem schneeweissen Zimmer wieder, auf einem Rosenbett liegend, dessen Duft den Raum erfüllt. Und es regnen rote Rosenblüten auf ihren nackten Körper nieder, so weich und geschmeidig wie Daunenfedern. Sie ist allein im Zimmer, niemand horcht ihr, nur der Windhauch streichelt sanft ihre Haut. Du warst die Liebe ihres Lebens, der sie sich hingegeben hatte.

Das Bett ist von einem transparenten Schleier umgeben, der sich im sanften Luftzug bewegt, und als sie sich umsieht, entdeckt sie einen goldenen Spiegel an der Wand. Bevor sie aufsteht, hüllt sie sich in einen grünen Samtumhang und tritt vor dem Spiegel. Sie erschrickt vor dem ungläubigen und bedrohlichen Blick, dem sie begegnet; wie kann das sein, dass das Alter ihr freundliches Wesen in einem einzigen Windstoss ausgelöscht hat? Es ist ein furchtbares Gefühl, schlimmer als ein Stich mitten ins Herz.

Ja, das Monster, das in ihr schlummerte, ist erwacht, und als hätte es Besitz von ihr ergriffen, beginnt es, das verächtliche Bild, zu dem sie geworden ist, zu zerschmettern – allein und voller Abscheu. Es scheint dem Wahnsinn verfallen zu sein, und mit all seiner Wildheit vernichtet es den Spiegel in tausend Scherben. Das Monster und die Schöne begegnen sich, tanzen Barfuss auf den scharfen Scherben übersäten Boden, ihre Körper sind ineinander verschlungen. Sie spürt keinen Schmerz, nicht einmal Hass und gibt sich diesem wehrlosen Gefühl hin. Sie war einst wunderschön, doch in ihr ruhte ein Ungeheuer, das nur darauf wartete, zum Vorschein zu kommen. Aber warum hatte er sie auserwählt? Vielleicht weil sie die Schönste im ganzen Land war, vielleicht aber auch, weil sie sich wie das hässliche Entlein fühlte und vom Wolf gefressen werden wollte. Sie wusste es nicht genau; jeder hat seine eigene verborgenen Wünsche.

Wie soll sie den Roman ihres Lebens beginnen, wie soll sie ihn beenden und verlassen? Jede Zeile ist ein Suchen, nach dem Ort, an dem sie sich wieder findet. Denn sie weiss: Der schönste Roman ist der, der sie noch schreiben wird. R.R.





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